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Eine spannende Analyse des heutigen Geldsystems

5. April 2017 von in Gastbeitrag | 3 Kommentare

Lieber Herr Brichta,

hier meine Rezension Ihres Buchs „Die Wahrheit über Geld“, die ich auch bei amazon eingestellt habe, sowie einige Anmerkungen und kritische Hinweise, die für Sie und Anton Voglmaier bestimmt sind.

Es würde mich freuen, wenn Sie die Korrekturvorschläge bei einer Neuauflage berücksichtigen und wenn meine Kommentare Sie zur genaueren Beschäftigung mit den vorliegenden Vorschlägen für eine neue Geldordnung anregen. Hier könnten Sie beide zur Versachlichung der Diskussion und zur Verbesserung der Lösungsvorschläge beitragen.

Ein aussichtsreicher Einstieg zum gleitenden Übergang zu einer neuen Geldordnung erscheint mir die auch von Ihnen vorgeschlagene Zulassung von sicheren Zahlungskonten mit Zentralbankbuchgeld für Nichtbanken zu sein.

Mit freundlichen Grüßen
Timm Gudehus

Eine spannende Analyse des heutigen Geldsystems und seiner Probleme

Trotz der schwierigen Materie gelingt es den Autoren, die Funktionsweise des heutigen Geldsystems allgemein verständlich darzustellen. Sie erläutern anhand anschaulicher Beispiele, wie Geld entsteht, in den Verkehr kommt und vernichtet wird, und zeigen, wie der bargeldlose Zahlungsverkehr mit Giralgeld funktioniert. Das von den Banken nach eigenem Ermessen in nahezu unbegrenzter Menge durch Kreditvergabe erzeugte Giralgeld ist kein gesetzliches Zahlungsmittel sondern ein jederzeit fälliges Zahlungsversprechen einer Bank, das heute anstatt des gesetzlichen Geldes zur Erfüllung monetärerer Forderungen allgemein akzeptiert wird.
Die Konstruktionsfehler des heutigen Geldsystem und die daraus resultierenden Unsicherheiten, Probleme, Krisen und Gefahren für die Realwirtschaft und die Finanzwirtschaft werden im weiteren Verlauf des Buchs ausführlich analysiert und beschrieben. Das ist spannend zu lesen und wertvoll zu wissen. Unbeantwortet bleibt jedoch die sich aufdrängende Frage, wie eine Geldordnung gestaltet werden kann, mit der sich die in diesem Buch aufgezeigten Probleme beheben und Gefahren begrenzen lassen.

Anmerkungen und kritische Hinweise:

Bilanzierung des Geldes
Auf S. 19 steht: „Geld wird ausschließlich auf die Passivseite der Banken und Notenbanken produziert. Das gilt auch für Bargeld.“ Für das Münzgeld ist diese Aussage falsch. Der Münzgeldbestand wird nach Ankauf von einer staatlichen Münze auf der Aktivseite der Zentralbank verbucht und nach der Abgabe der Münzen aus der Bilanz ausgebucht (Gudehus 2013/2016). Anders als Banknoten, Buchgeld und Giralgeld ist das Münzgeld daher keine Forderung an eine Bank sondern ein Aktivum mit einem nominellen Wert, der durch seine Verwendbarkeit als Zahlungsmittel gegeben ist und gesetzlich gesichert wird.

Die Aktivbilanzierung des Münzgeldes ist wegen seines geringen Anteils am Zahlungsverkehr für das heutige Geldsystem von nachrangiger Bedeutung. Die zukünftige Aktivbilanzierung auch der Banknoten und des Zentralbankbuchgeldes sind jedoch zentraler Bestandteil einer Neuen Geldordnung, in der alles Giralgeld durch Zentralbankbuchgeld ersetzt wird (Gudehus 2013 und Gudehus 2016 S. 11 u. S. 27ff). Erst durch die Neubilanzierung des gesamten gesetzlichen Geldes als Aktivgeld statt wie bisher als Passivgeld werden Geld und Kredit voneinander getrennt. Daraus resultieren auch die mit der Einführung der neuen Geldordnung verbundenen einmaligen Umwandlungsgewinne und die anschließenden Geldschöpfungsgewinne der Zentralbank.

Die Neubilanzierung des Geldes ist nicht ganz einfach zu verstehen. Es lohnt sich darüber nachzudenken. Erst nach längerer Debatte, die 2013 u.a. durch zwei von mir verfasste Beiträge ausgelöst wurde, wird die Notwendigkeit einer Aktivierung des Geldes verstanden und von der Vollgeldbewegung zunehmend akzeptiert (Gudehus 2016; Huber 2013, Jackson&Dyson 2014 u.a.).

Auf der Aktivbilanzierung des Münzgeldes beruht auch der Vorschlag aus dem Jahr 2011 zur Ausgabe einer Platinmünze im Nominalwert von 1-Billion-Dollar durch die Federal Reserve Bank der USA, um mit dem daraus resultierenden Geldschöpfungsgewinn den US-Haushalt zu sanieren (s. Wikipedia „1-trillion-dollar-platinum-coin“).

Geld und Schulden
Auf S. 25 steht: „Schulden sind also notwendig um unser Wirtschaftsleben aufrechtzuerhalten. Ohne Schulden – und damit ohne Geld – bräche alles zusammen.“

Das trifft für das heutige Geldsystem zu und ist die zentrale Erklärung für viele Probleme des heutigen Geldsystems, die in dem Buch aufgezeigt werden. Aus dieser Erkenntnis ergibt sich die Notwendigkeit, in einer neuen Geldordnung Geld und Kredit voneinander zu trennen (s. Gudehus 2016).

Zwang zum Wachstum
Auf S. 125 heißt es: „Geldmengen und Schulden sind zu dauerndem Wachstum verdammt – und genau dies werten wir als Konstruktionsschwäche unseres Geldsystems.“ Das steht im Widerspruch zu der Aussage an anderen Stellen des Buchs, dass im heutigen Geldsystem immer wieder Krisenzeiten mit extremer Geldmengenschrumpfung und Kreditausfällen vorkommen.

Charakteristisch für das heutige Geldsystem sind längere Phasen anhaltenden Geldmengen- und Kreditwachstums, die von plötzlich einsetzenden Phasen mit großer Geldmengen- und Kreditschrumpfung beendet werden. Die zentrale Ursache dieses zerstörerischen Wechselspiels ist die nahezu unbegrenzte Möglichkeit der Geschäftsbanken zur Giralgeldschöpfung, die durch den Kreditvergabewettbewerb der Banken und die Verschuldungsbereitschaft von Staat, Unternehmen und Privathaushalte immer wieder neu angeheizt wird. Das ließe sich in einer neuen Geldordnung dadurch lösen, dass Geld und Kredit voneinander getrennt werden.

Rente und Schneeballsystem
Auf. S. 128 steht: „In diesem Punkt gleicht es (unser Geldsystem) der gesetzlichen Rente, deren Finanzierung bei genauerer Betrachtung ebenfalls einen Schneeballcharakter hat.“

Das ist ein irreführender und unzutreffender Vergleich. Das umlagefinanzierte Rentensystem wird wie auch Krankenversicherungen, Haftpflichtversicherungen und Feuerversicherungen, durch laufend eingehende Beiträge finanziert, deren Höhe und Leistungen laufend dem Auszahlungsbedarf angepasst werden. Abgesehen von einer Schwankungsreserve wird aus den Beiträgen kein Kapitalstock in Höhe der diskontierten erwarteten Auszahlungen gebildet. Das ist das Versicherungsprinzip.

Auch die auf S. 128 geäußerte Vermutung, dass unser Geldsystem die Eigenschaften eines Schneeballsystems aufweist, ist unbegründet: Ein Schneeballsystem bricht zwangsläufig in sich zusammen, sobald die Teilnehmerzahl nicht mehr exponentiell ansteigt. Unser Geldsystem aber kann weiter bestehen, auch wenn keine neuen Teilnehmer hinzukommen und die Nettokreditaufnahme nicht weiter ansteigt. Es ist aus anderen Gründen instabil.

Schuldenbremse
Auf S. 132 steht: „Dabei hat die begehrte Erfindung (i.e. die Schuldenbremse) noch nicht einmal in Deutschland ihren Leistungstest erbracht.“

Die seit 2003 in der Schweiz geltende Schuldenbremse hat sich bisher durchaus bewährt und die erwartete Bremswirkung ausgelöst. Dabei sind anfangs einige Definitionsprobleme bezüglich der Messung der Neuverschuldung aufgetreten. Ohne zuvor eindeutig definierte und objektiv messbare Bezugsgrößen besteht hier die große Gefahr der Willkür und Manipulation, z.B. durch Schattenhaushalte und Ausgrenzung staatlicher Aktivitäten.

Zinseszins und Josephspfennig
Das im Kapitel „Das achte Weltwunder“ auf S. 91ff erzählte und im Anhang 5 durch Rechnungen untermalte Märchen vom Josephspfennig, der sich durch Zins und Zinseszins exponentiell vermehrt, ist spannend zu lesen und zunächst verblüffend. Es beruht jedoch auf mehreren unzutreffenden oder realitätsfernen Annahmen:

• Es gibt keine Person oder Institution, weder Bank noch Staat, die auf einen eingezahlten Geldbetrag für ewige Zeiten verlässlich Zinsen und Zinseszinsen zahlen kann. Früher oder später stellt die Institution die Zahlung ein oder sie geht unter.

• Die Eigentümer eines angesparten und verzinsten Geldbetrags verwenden ab einem bestimmten Zeitpunkt den Sparbetrag oder zumindest den laufenden Zinsertrag für den Konsum, Investitionen oder andere Zwecke. Im Todesfall verteilt sich der Sparbetrag auf Erben, die ihn ausgeben, investieren oder zur Schuldentilgung verwenden.

• Wenn eine ewige Thesaurierung von Sparbetrag, Zinsen und Zinseszinsen möglich wäre und das angesammelte Geld niemals ausgegeben wird, würde sich in einem reinen Münzgeldsystem nach längerer Zeit alles Geld der Welt bei Joseph und seinen Erben sammeln und kein Geld mehr zur weiteren Zinszahlung vorhanden sein.

• Im heutigen Kreditgeldsystem können die Zinsen solange durch Giralgeldschöpfung erzeugt werden, wie der Kontoinhaber der Zahlungsfähigkeit seiner Bank vertraut. Das Vertrauen des Kontoinhabers in die Zahlungsfähigkeit seiner Bank aber sinkt, wenn der Kontostand durch die thesaurierten Zinsen das Eigenkapital der Bank erreicht oder überschreitet. Wenn er dann die Auszahlung seines verzinsten „Josephspfennigs“ verlangt, ist die Bank zahlungsunfähig.

Das Märchen vom Josephspfennig lenkt von den eigentlichen Problemen des heutigen Geldsystems ab. Es verschleiert die Rolle des Zinses als Preis für das risikobehaftete Ausleihen von Geld und übertreibt die Auswirkungen der Zinseszinsen maßlos. Von den Reichen der Welt hat keiner einen nennenswerten Teil seines Vermögens durch Zinseszinsen erworben.

Rettung des Euro
Auf S. 160 steht: „Um den Euro zu retten gibt es nur einen Weg: heiraten oder einen Bundesstaat Europa gründen.“

Auf S. 162 heißt es dagegen: „Andererseits wird der Euro nicht so schnell im Graben landen, wie es sich die Gegner wünschen.“ Und auf S. 163 „Dazu wird es unausweichlich sein, dass die Europäische Zentralbank immer größere Tranchen der benötigten Summen übernimmt.“

Das anhaltende Erzeugen von Zentralbankbuchgeld zum Aufkauf von Staatsanleihen und zur Rettung maroder Banken ist ein bereits eingeschlagener Weg zur Rettung des Euro ohne Heirat und ohne Bundesstaat Europa. Wie dieses gigantische Experiment ausgeht, ist unbekannt. Es lässt sich geldtheoretisch unendlich lange fortsetzen, wenn die Gesellschaft bereit ist, auch negatives Eigenkapital einer Zentralbank zu akzeptieren. Verboten ist das nicht. In Chile hat es das bereits für eine längere Zeit gegeben.

Die Vorhersage auf S. 179: „Wir meinen damit, dass der Zerfall des Euro noch in diesem Jahrzehnt (soll heißen bis 2020?) beginnen wird“ ist daher gewagt.

Ein dritter Weg, den Euro zu retten ist der Übergang zu einer neuen Geldordnung mit einem Europäischen Währungsgesetz, das die grundlegenden Schwächen und Probleme unseres heutigen Geldsystems beseitigt. Die Broschüre „Neue Geldordnung“ enthält dazu Lösungsvorschläge (Gudehus 2016). Ein Weg zur neuen Geldordnung könnte die Einführung sicherer Zahlungskonten (Sicherheitskonten) auch für Nichtbanken sein, mit denen die Kontoinhaber über eigenes Zentralbankbuchgeld (Vollgeld) verfügen können.

Wie geht es weiter?
Auf S. 111 schreiben die Autoren: „Wir sind der Ansicht, dass dieses Übel (des heutigen Geldsystems) gar nicht beseitigt werden kann – zumindest nicht in der bestehenden Geldordnung.“ Auf S. 220 sagen sie: „Wir können es auch gar nichts besser machen, weil gar nicht die Voraussetzungen dafür vorliegen.“ und weiter „Ändern können wir daran auf absehbare Zeit nichts.“ Schließlich auf S. 223: „Wir handeln wie ein Arzt, der seinem Patienten verdeutlicht, dass er nach derzeitigem Stand der Forschung keine Besserung erwarten kann“. Das ist ungewöhnlich resignierend, denn es gibt diskussionswürdige Lösungsvorschläge (s.u.).

Abschließend berichten die Autoren oberflächlich über Vollgeld. Anders als bei dem ebenfalls behandelten Schwundgeld und Goldgeld handelt es sich bei dem Vorschlag von Vollgeld, d.h. von jedermann zugänglichem Zentralbankbuchgeld, um einen konsistenten und inzwischen recht weit ausgearbeiteten Vorschlag einer Neuen Geldordnung, mit der sich viele der in dem Buch angesprochenen Probleme unseres heutigen Geldsystems lösen lassen. Das Vollgeldkonzept umfasst mehr und anderes als in dem Buch berichtet und berurteilt wird. Hierüber sollten die Autoren einmal ausführlich mit Hans Christoph Binswanger sprechen, einem Pionier der Vollgeldordnung, bei dem sich die Autoren auf S. 232 ausdrücklich für Hinweise und Verbesserungsvorschläge bedanken.

Vielleicht regen die vorangehenden Anmerkungen und kritischen Hinweise die Autoren zur Lektüre der nachstehenden Bücher und Veröffentlichungen über eine Neue Geldordnung auf der Basis von Vollgeld an. Hier ist noch manches zu klären und zu verbessern.

Literaturempfehlungen
Binswanger, H. Chr., Huber J. & Mastronardi Ph. (2012); Die Vollgeld-Reform, Wie Staatsschulden abgebaut und Finanzkrisen verhindert werden können, Edition ZE!TPUNKT, Die nächste Schweiz, Solothurn
Gudehus, T. (2013); Geldordnung, Geldschöpfung und Staatsfinanzierung, ZfW Zeitschrift für Wirtschaftspolitik, 62. Jg. 2013/2, S. 194-222
Gudehus, T. (2016); Neue Geldordnung, Notwendigkeit, Konzeption und Einführung, Springer-Essential, Wiesbaden
Huber, J. (2013); Monetäre Modernisierung, Zur Zukunft der Geldordnung: Vollgeld und Monetative, 3. neu bearbeitete und aktualisierte Auflage, Metropolis-Verlag, Marburg
Jackson A. & Dyson B. (2014); Modernising Money, Why our monetary system is broken and how it can be fixed, Positive Money, London
Seit Anfang 2017 leitet Ben Dyson bei der Bank of England, eine Arbeitsgruppe, die sich mit neuen Zahlungssystemen befasst

Dr. Timm Gudehus

3 Kommentare

  1. Herzlichen Dank für Ihre überaus fundierte Kritik zu unserem Buch, lieber Herr Gudehus. Seit Professor Binswangers „Lektorat“ ist das die konstruktivste Auseinandersetzung mit dem Werk, die mir bis jetzt begegnet ist. Sollte es zu einer Neuauflage kommen, würde ich deshalb Ihr Engagement im Vorwort gerne dankend erwähnen. Ich kann nicht häufig genug betonen, für wie fruchtbar ich den Dialog mit Ihnen halte. Er hebt sich wohltuend vom leider oft üblichen Streit unter Experten ab.

    Und nun zu Ihren Kritikpunkten:

    1. Die unbeantwortete Frage nach einer Neugestaltung der Geldordnung

    Wie im Buch erwähnt, lässt sich diese Frage aus meiner Sicht derzeit gar nicht beantworten – zumindest nicht in einer umfassenden und befriedigenden Weise. Sie mögen aufgrund der von Ihnen favorisierten Vollgeldordnung anderer Meinung sein, aber damit wären wir wieder an dem Punkt, an dem üblicherweise ein „Expertenstreit“ einsetzt. Einer Auseinandersetzung will ich mich grundsätzlich auch nicht verweigern, halte es zum jetzigen Zeitpunkt aber für sinnvoller, wenn wir erst einmal gemeinsam zur Aufklärung über die Schwachstellen des derzeitigen Systems beitragen. Denn darin liegt m. E. nach wie vor die Herkulesaufgabe, die es zu bewältigen gilt.

    Weshalb ich im Übrigen meine, dass der herrschende Expertenstreit unter den verschiedenen Denkschulen gerade dieser Aufklärung abträglich ist, habe ich im Buch erläutert.

    Zudem bewegt mich persönlich noch etwas Anderes: Ich halte es für nützlicher, meinen Lesern aufzuzeigen und sie darauf vorzubereiten, was höchstwahrscheinlich passieren WIRD, als ihnen zu sagen, was passieren SOLLTE, damit alles besser wird. Letzterer Versuchung erliegen nach meiner Erfahrung leider die meisten Experten.

    Zumal es nach meiner Analyse ohnehin äußerst unwahrscheinlich ist, dass dieses Geldsystem in diesem oder im nächsten Jahrzehnt durch ein anderes abgelöst wird. Wenn überhaupt, sehe ich dafür eine Chance erst nach dem von mir prognostizierten Zusammenbruch. Aber selbst dann dürfte diese Chance nicht sehr groß sein.

    Unter diesen Umständen haben wir in diesem Buch mit voller Absicht auf jeglichen Versuch verzichtet, die Frage nach einer Neugestaltung der Geldordnung zu beantworten. Das Fehlen dieses Beantwortungsversuchs stellt nach meiner Einschätzung also kein Manko dar, sondern bewahrt die Leser davor, den Blick für das zu verlieren, was sie wahrscheinlich erwartet. Sie könnten sonst dem Irrglauben verfallen, dass sich der Zusammenbruch noch verhindern lasse. Ich weiß, dass auch Sie dies meinen, aber darüber lassen Sie uns bitte später noch einmal ausführlich diskutieren.

    Durch ein kurzes Aufzeigen und Diskutieren der gängigsten Geldreformvorschläge haben wir im Buch aber deutlich gemacht, dass es diese gibt. Wer sich als Leser also dafür interessiert, kann sich damit gerne weiter beschäftigen.

    Als Manko würde ich es allenfalls ansehen, dass ich den interessierten Lesern die Mühe überlasse, sich selbst um einschlägige Literatur zu bemühen, und ihnen keine weiterführenden Literaturhinweise an die Hand gebe. Bei einer Neuauflage des Buches werde ich daran denken.

    2. Bilanzierung des Geldes (S. 19)

    Ich habe lange überlegt, ob wir auf die Besonderheiten des Münzgeldes eingehen sollen, mich dann aber aufgrund seiner nachrangigen Bedeutung dagegen entschieden. Die Leser sollen schließlich stets den Blick fürs Wesentliche behalten.

    Da ich aber auch vermeiden will, dass Experten wie Sie Anstoß an einzelnen Formulierungen nehmen, werden wir den Satz in einer Neuauflage wir folgt ändern:

    „Geld wird übrigens fast ausschließlich auf der Passivseite der Bilanzen von Banken und Notenbanken produziert. Dies gilt selbst für Banknoten, die …“

    3. Geld und Schulden (S. 25)

    Richtig, wir beschreiben im Buch ausschließlich das herrschende Geldsystem. Nach meiner Erfahrung sind diese Zusammenhänge zwischen Geld und Schulden den wenigsten Menschen bekannt, weshalb man nicht nachdrücklich genug darauf hinweisen kann.

    Im Zusammenhang mit Ihren Hinweisen auf die notwendige Trennung von Geld und Kredit halte ich aber auch folgenden Aspekt für wichtig:

    Die tatsächlichen Mengen an Geld, also Zahlungsmitteln, machen nur einen kleinen Teil der Mengen an Geldvermögen aus. Geldvermögen definiere ich dabei wie im Buch:

    Geldvermögen = Bestand an Zahlungsmitteln + Forderungen auf Zahlungsmittel

    Selbst wenn dem ersten Teil der rechten Gleichungsseite, also dem Bestand an Zahlungsmitteln, künftig keine Schulden in gleicher Höhe mehr gegenüberstünden, so würde dies weiterhin für den den zweiten Teil gelten. Denn klar ist, dass einer Forderung auf Zahlungsmittel immer auch eine gleich hohe Schuld gegenübersteht.

    Nach meiner Analyse ist es nun so, dass die Menge der auf Zahlungsmittel lautenden Forderungen nur bedingt beeinflusst wird durch den tatsächlich vorhandenen Bestand an Zahlungsmitteln. Mit anderen Worten: Die Menge der Forderungen (oben rechts) tendiert dazu, sich vom Bestand an Zahlungsmitteln (oben links) zu entkoppeln.

    Der Grund dafür ist relativ einfach:

    Forderungen auf Zahlungsmittel entstehen zum einen dadurch, dass ein tatsächlich vorhandener Bestand an Zahlungsmitteln von einem Gläubiger an einen Schuldner weitergereicht wird.

    Selbst dies bedeutet aber nicht, das ein und derselbe Zahlungsmittelbestand nur einmal weiter verliehen werden kann. Wenn ein Schuldner für einen aufgenommenen Kredit zum Beispiel ein Haus kauft, kann der Hausverkäufer (und Empfänger der Zahlungsmittel), die Zahlungsmittel wiederum an einen neuen Schuldner weiter verleihen usw. usw.

    Aber das ist noch nicht alles: Auf Zahlungsmittel lautende Forderungen entstehen auch, ohne dass tatsächlich vorhandene Zahlungsmittel weitergereicht (verliehen) werden. Nämlich dann, wenn eine Transaktion nicht mit Zahlungsmitteln beglichen wird, sondern lediglich mit einer Forderung auf Zahlungsmittel. Im Buch nennen wir das umgangssprachlich „anschreiben“.

    Und ein Beispiel dafür liefern wir gleich mit: Die Anschreibepraxis der Geschäftsbanken untereinander. Diese hat dazu geführt, dass die Menge an Interbanken-Forderungen auf Zentralbankgeld (= das einzige Zahlungsmittel, das Geschäftsbanken untereinander akzeptieren) im Verhältnis zum tatsächlichen Bestand an Zentralbankgeld bis zur Finanzkrise auf einen Rekordwert gestiegen war.

    Erst seitdem das Vertrauen der Banken untereinander gelitten hat, hat sich das Verhältnis wieder etwas verringert. Aber es ist erwartbar, dass es bei zunehmendem Vertrauen erneut in die andere Richtung tendieren wird.

    Ein weiterer Beleg für die Entkoppelung:

    Auch die Menge an Buchgeld, das Nicht-Banken bei den Geschäftsbanken unterhalten, hat sich in der Vergangenheit von der Menge an tatsächlich vorhandenem Zentralbankgeld entkoppelt. Dies ist zwar genau das Problem, das Sie mit Ihrem Vorschlag in den Griff zu bekommen hoffen, aber zu bedenken ist dabei Folgendes:

    Ursprünglich war das Zentralbankgeld der einzige Bestand an Zahlungsmitteln, den es gab. Buchgeld war nichts anderes als Forderungen auf diese Zahlungsmittel. Damit war Buchgeld der zweiten Komponente des Geldvermögens zuzurechnen, nämlich den Forderungen in dieser Gleichung:

    Geldvermögen = Bestand an Zahlungsmitteln + Forderungen auf Zahlungsmittel

    Dass aus diesen Forderungen im Lauf der Zeit selbst Zahlungsmittel wurden, ändert am grundlegenden Zusammenhang nichts. Es haben sich lediglich die Grenzen zwischen den beiden Komponenten verschoben.

    Und nicht Anderes dürfte bei Umsetzung Ihres Vorschlags passieren. Die erste Komponente des Geldvermögens, die Zahlungsmittel, werden gänzlich kredit- und damit schuldenbefreit. Die zweite Komponente aber nicht.

    Was hat das für Konsequenzen?

    Die Probleme, die aus dem Wachstum von Geldvermögen und Schulden entstehen, werden lediglich auf die zweite Komponente verlagert. Und in dem Maße, wie sich die Forderungen auf Zahlungsmittel erneut vom tatsächlichen Bestand an Zahlungsmitteln entkoppeln (wie schon im gegenwärtigen System geschehen), werden auch die alten Probleme wieder auftauchen – trotz Ihrer Vollgeldreform.

    Zumal auch in Ihrem System der Zwang bestehen bleiben dürfte, den Bestand an Zahlungsmitteln ständig zu erhöhen. Warum? Ganz einfach: Das Verhältnis zwischen Zahlungsmittelbestand und Forderungen auf Zahlungsmittel driftet zwar in jedem System auseinander und führt dann zu Problemen, wenn der Abstand zu groß wird. Denn dann geraten Schuldner zunehmend in Gefahr, ihre Schulden nicht mehr bedienen zu können, weil die Zahlungsmittel knapp werden. So entstünde die Gefahr einer ähnlichen deflatorischen Abwärtsspirale wie im gegenwärtigen System. Deshalb wird es auch in Ihrem System einen Druck geben, die Zahlungsmittelmenge stetig zu erhöhen.

    Dazu kommt noch etwas: Es gehört zu den grundlegenden Wirkungszusammenhängen unseres (kapitalistischen) Wirtschaftssystems, dass sich Geldvermögen im Lauf der Zeit bei Menschen, Unternehmen und Institutionen ansammelt, die es aufbewahren und vermehren wollen.

    Wie macht man das? Ganz klar dadurch, dass man sein Geldvermögen gegen Zins an Schuldner verleiht. Und in dem Maße, wie das Geldvermögen steigt, werden auch in Ihrem System die Schulden steigen. Dies gilt zumindest für jenen (wachsenden) Teil des Geldvermögens, der auf Forderungen beruht (siehe obige Gleichung). Das heißt: Die zunehmende Ansammlung von Geldvermögen ist ein weiterer systemimmanenter Knackpunkt, den Sie mit Ihrem Voschlag nicht verändern werden. Oder bieten Sie auch dafür eine „Lösung“ an?

    Mein Fazit: Sie mögen Geldschöpfung und Kredit trennen können, Sie können damit aber nicht das Wechselspiel zwischen Geldvermögen und Kredit auflösen. Und Letzteres ist für die grundlegende Problematik unseres Systems nach meiner Erkenntnis von größerer Bedeutung.

    4. Zwang zum Wachstum (S. 125)

    Sie schreiben:
    „Auf S. 125 heißt es: „Geldmengen und Schulden sind zu dauerndem Wachstum verdammt – und genau dies werten wir als Konstruktionsschwäche unseres Geldsystems.“ Das steht im Widerspruch zu der Aussage an anderen Stellen des Buchs, dass im heutigen Geldsystem immer wieder Krisenzeiten mit extremer Geldmengenschrumpfung und Kreditausfällen vorkommen.“

    Das ist kein Widerspruch, aber wenn Sie danach fragen, scheint es im Buch nicht deutlich genug geworden zu sein: Das System als solches kann nur reibungslos funktionieren, wenn die Mengen an Geldvermögen und Schulden stetig wachsen. Durch die beschriebenen
    Mechanismen ist dieses Wachstum im System sogar programmiert.

    Allerdings führt das Wachstum ab bestimmten Punkten zu den beschriebenen extremen Zusammenbrüchen, in denen Geldvermögen und Schulden zerstört werden. Danach kann (und muss) das System vom niedrigeren Niveau aus erneut wachsen. Bis zum nächsten Zusammenbruch usw.

    Der im Buch angeführte Vergleich mit einem Krebsgeschwür ist durchaus treffend: Auch der Krebs ist zum Wachstum verdammt, bis der von ihm befallene Körper darunter zusammenbricht und dem Krebs damit die Grundlage zu weiterem Wachstum nimmt. Der Unterschied zum Krebs ist aber, dass der davon befallene Körper danach mausetot ist, während das Geldsystem nach dem Zusammenbruch wieder von Neuem zu wachsen beginnt.

    Diese Zusammenbrüche mögen also zum System gehören, man kann sie aber nicht als Funktionieren dieses Systems bezeichnen, sondern eher als das Gegenteil: als das Nicht-Funktionieren. Somit dürfte sich der vermeintliche Widerspruch auflösen, und so ist auch der zweite Teil des von Ihnen zitierten Satzes zu verstehen: Wir werten dies als eine entscheidende Konstruktionsschwäche unseres Geldsystems. Wie anders sollte man es nennen?

    Damit zu einem weiteren entscheidenden Punkt: Anders als Sie unterstellen, ist nach meiner Analyse eben nicht die zentrale Ursache dieses zerstörerischen Wechselspiels, dass die Geschäftsbanken eine nahezu unbegrenzte Möglichkeit zur Giralgeldschöpfung haben. Vielmehr würde sich dieses Wechselspiel nach meinen Erkenntnissen auch dann ergeben, wenn die Geschäftsbanken diese Möglichkeit nicht mehr hätten und wenn Geldschöpfung und Kredit voneinander getrennt würden. (Dies wird ein entscheidendes Thema in unseren weiteren Diskussionen sein.)

    Die wahren Ursachen liegen nämlich tiefer, wie ich oben versucht habe zu skizzieren. (Sofern Sie dazu noch Fragen haben, was ich vermute, schreiben Sie mir bitte.) Jedenfalls liegen die Ursachen in den grundlegenden Wirkungszusammenhängen zwischen der Entwicklung von Geldvermögens- und Schuldenmengen. Die Frage ist nur, an welcher Stelle die Zerstörungskräfte jeweils zutage treten? Die Antwort: Dort, wo sie auf die geringsten Widerstände treffen, wo sie sich also am leichtesten entfalten können. Und das ist im gegenwärtigen System eben im Geschäftsbankensektor der Fall. Deshalb starten dort die meisten Finanzkrisen.

    Vielleicht lässt sich das am ehesten mit einem Vulkan vergleichen, aus dem die heiße Lava aus dem Erdinneren zutage tritt. Der Vulkan ist nicht die zentrale Ursache des zerstörerischen Lavaustritts. Aber er bietet aufgrund der geologischen Gegebenheiten die besten Bedingungen für den Ausbruch. Die wahren Ursachen liegen aber tiefer, nämlich in der „Konstruktionsweise“ unserer Erde mit dem explosiven Kern.

    Würden Sie es fertig bringen, alle bestehenden Vulkane zuzustopfen, wären diese nicht mehr für Menschen gefährlich. Trotzdem bliebe die wahre Ursache, nämlich das explosive Erdinnere, erhalten. Und deshalb würde das Zerstörerische früher oder später eben an anderer Stelle zutage treten. Es würden neue Vulkane entstehen.

    Das von Ihnen angestrebte Vollgeld mit der Trennung von Geldschöpfung und Kredit würde in diesem Bild dem Zustopfen von Vulkanen entsprechen, ohne die tiefer liegende zentrale Ursache zu beseitigen. Die Folge wäre, dass diese Kräfte früher oder später eben an anderer Stelle zutage treten würden. Dies erklärt vielleicht auch, warum ich derzeit eher abgeneigt bin, mich an Versuchen zum Stopfen von Vulkanen zu beteiligen. Zumal nach meinen Erkenntnissen noch völlig offen ist, ob sich die zentrale Ursache für das zerstörerische Wechselspiel unseres Systems überhaupt beseitigen lässt.

    5. Rente und Schneeballsystem (S. 128)

    Die gängigste Definition für ein Schneeballsysten lautet, dass dieses zum Funktionieren eine ständig wachsende Zahl an Teilnehmern benötigt. So haben wir es jedenfalls im Buch definiert. Stimmen Sie insoweit zu?

    Betrachten wir nun unser Rentensystem, so ist diese Bedingung erfüllt: Wenn die aufgrund der Baby-Boomer-Generation in den vergangenen Jahrzehnten gestiegene Zahl der Einzahler in Rente geht, wird sie zu Rentenempfängern. Steht dieser gestiegenen Zahl an Empfängern dann eine noch größere Zahl an Beitragszahlern gegenüber, können letztere locker die Renten der Baby-Boomer bezahlen. Das System funktioniert also.

    Aber schon wenn die Zahl der neuen Beitragszahler nicht mehr steigt, sondern konstant bleibt, kann es zu Problemen kommen. Dann können Rentenerhöhungen nämlich nur noch finanziert werden, wenn auch die Beiträge der Einzahler angehoben werden.

    Und gänzlich aus den Fugen gerät das Sytem, wenn die Zahl der Einzahler fällt. Dann reden wir nicht mehr über höhere oder unveränderte Renten, sondern über fallende. Genau dies ist im Übrigen das reale Szenario, das uns tatgtäglich in den Medien ausgemalt wird. Genau deshalb sollen wir ZUSÄTZLICH sparen fürs Alter, weil die gesetzliche Rente dann nicht mehr ausreichen wird.

    Fazit: Die Finanzierung unseres Rentensystems funktioniert nur dann einwandfrei, wenn die Zahl der Beitragszahler wächst. Und genau deshalb schreiben wir diesem Finanzierungssystem einen ‚Schneeballcharakter‘ zu. Wenn es rund laufen soll, muss es wachsen.

    Und damit zu unserem Geldsystem:

    Die Herleitung, warum dieses System nur mit stetig steigenden Geld- und Schuldenmengen funktioniert, ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Buches, der sich durch mehrere Kapitel zieht. Mich wundert an dieser Stelle, dass Sie das Buch so gut bewerten, obwohl Sie offenbar eine seiner Kernbotschaften nicht verstanden haben. Ich bitte Sie deshalb, sich die entsprechenden Kapitel noch einmal in aller Ruhe vorzunehmen. Denn sie sind für das Verständnis des Buches elementar.

    Sollten Sie die Herleitung dagegen verinnerlicht haben, aber sachlich anzweifeln, wäre es schön, wenn Sie mir dafür konkrete Gegenargumente nennen könnten. Nur so könnten wir auch inhaltlich weiter kommen.

    Angemerkt sei noch, dass sich der Schneeballcharakter des Geldsystems selbstverständlich nicht aus der Menge an Köpfen seiner Teilnehmer ableitet, was Sie unterstellen, sondern aus der Menge an Geld- und Schuldeneinheiten, die dieses System hervorbringt. Auch dies wird aber im Buch erklärt.

    Da es sich hierbei um einen zentralen Bestandteil des Buches handelt und die Vermittlung dieses Sachverhalts ein zentrales Anliegen von uns Autoren ist, wäre es mir sehr wichtig, dass wir über diesen Punkt weiter im Gespräch bleiben.

    6. Schuldenbremse (S. 132)

    Von der Schweizer Schuldenbreme nahm im Rest Europas damals kaum eine andere Regierung Notiz. Die Bremse war erst dann plötzlich heiß begehrt, als Deutschland damit einen einzigartigen PR-Coup landete: Sie wurde nämlich beschlossen, just nachdem Deutschland gerade ein Rekord-Budget-Defizit vermeldet hatte. Da die Finanzmärkte diesen Beschluss mit fallenden Zinsen für feutsche Staatsschulden honorierten, wurden andere Euroländer darauf aufmerksam, die wegen der Eurokrise gerade unter zeigenden Zinsen zu leiden hatten. In der Hoffnung, damit ähnlich erfolgreich zu sein, nahmen sie also ebenfalls Schuldenbremsen in Ihre Regierungprogramme auf.

    Jedenfalls war dies die Sitution, die wir mit dem von Ihnen zitierten Satz beschrieben. Und dass die deutsche Schuldenbremse zu der Zeit, als sie so begehrt war, ihren Leistungstest noch gar nicht erbracht hatte, ist wohl unbestreitbar.

    Einschub: Inzwischen haben die anderen Regierungen ihr Interesse an der Schuldenbremse längst verloren. Sie propagieren schon wieder das Gegenteil.

    Wichtig ist aber noch Folgendes: Wenn unsere Erkenntnis Gültigkeit hat, dass Geldvermögen und Schulden im gegenwärtigen System zum Wachstum verdammt sind, ist eine staatliche Schuldenbremse auch systemwidrig. Denn wenn Schulden ständig wachsen müssen, wäre es geradezu hinrissig, ausgerechnet den bedeutendsten Schulder dauerhaft davon ausnehmen zu wollen. Dies kann und wird langfristig nicht funktionieren.

    Anders, als Sie vermuten mögen, passt Ihr Beipiel Schweiz sogar sehr gut in dieses Szenario hinein. Tatsche ist nämlich, dass in dem Maße, wie sich der Staat aus der Schuldenspirale ausklinkt, andere Schuldner für ihn in die Bresche springen müssen. Dafür bleiben dann nur noch private Schuldner und das Ausland übrig. Und Letzteres spielt für das kleine Land Schweiz die entscheidende Rolle: Es hat keine Probleme, den ausfallenden Schuldner Staat durch ausländische Schuldner zu ersetzen. Ausländer verschulden sich bereitwillig in der Schweiz, wozu derzeit auch die dort besonders niedrigen Zinsen beitragen. Die Schuldenbremse funktioniert also nur, wenn das Ausland die Rolle übernimmt, die ansonsten die steigenden Staatsschulden übernehmen.

    Und Ähnliches gilt zurzeit auch (noch) in Deutschland: In dem Maße, wie die deutsche Staatsverschuldung in den vergangenen Jahren stagnierte, erhöhten sich die Schulden, die das Ausland in Deutschland machte. Die sog. Targetsalden der Deutschen Bundesbank sind ein oft zitiertes Beispiel dafür. Allerdings ist Deutschland mit seiner wirtschaftlichen Größe ein anderes Kaliber als die Schweiz. Das heißt, hier dürfte es auf Dauer nicht möglich sein, den ausfallenden Aufschuldndner Staat durch auländische Schuldner zu kompensieren. Die Schuldenbremse bei uns wird auf Dauer also nicht funktionieren. Und dies gilt für alle anderen größeren Industrieländer – insbesondere für die USA, die wir mit ihrer in den 70er-Jahren beschlossenen Schuldenbremse im Buch ausdrücklich erwähnen.

    Diese Zusammenhänge erschließen sich einem Analytiker nur, wenn er sich die reine Saldenmechanik vor Augen führt, wie wir dies im Buch tun. Ich halte diese Betrachtungsweise für unabdingbar, wenn man zu den tiefer liegenden Konstruktionsschwächen unseres Geldsystems vorstoßen will.

    Ich bin mir aber bewusst, dass wir beide uns noch weiter darüber unterhalten müssen, um bei Ihnen die Zweifel zu beseitigen. In der Zwischenzeit bitte ich Sie, dass Sie sich noch einmal die entsprechenden Passagen im Buch durchlesen, um mir dann dazu die richtigen Fragen zu stellen.

    7. Zinseszins und Josephspfennig (S. 91 ff)

    Die Gegenargumente, die Sie vorbringen, habe ich bereits im Buch erwidert:

    a)
    Logischerweise stellen Institutionen früher oder später Ihre Zahlungen ein oder gehen unter. Aber genau darauf ist das Zinssystem angewiesen. Im Klartext: Es kann nur dadurch existieren, dass wichtige Akteure von Zeit zu Zeit untergehen.

    b)
    Dass die Geldvermögensbesitzer die angesparten Beträge oder zumindest den laufenden Zinsertrag ab einem bestimmten Zeitpunkt für den Konsum verwenden, ist dagegen nur eine Wunschvorstellung. Dies mag für kleine Leute gelten, für große Vermögen dagegen nicht. Und auf solche Großvermögen konzentriert sich im Laufe der Zeit der Geldvermögensbesitz (mehr dazu weiter unten).

    Und selbst wenn der Zinsertrag ausgegeben würde, wäre er damit nicht aus der Welt geschafft. Er würde vielmehr zu Empfängern wandern, die ihn dann ihrerseits wieder anlegen. Und wenn sie dies nicht tun, sondern ihn ebenfalls wieder ausgeben, würde der Zinsertrag irgendwann bei jemandem landen, der ihn nicht ausgibt, sondern spart. Und von da an würde er sich wieder weiter vermehren.

    Sie sehen also: Die Kette würde allenfalls vorübergehend unterbrochen. Aus dem System selbst kommen das Geldvermögen und der damit einhergehende Zinsertrag nicht mehr heraus. Es sei denn, das Vermögen wird irgendwann vernichtet. Aber diesen Fall haben wir oben schon besprochen.

    Und was die Verwendung für „Investitionen“ anbelangt, die Sie ebenfalls noch erwähnen, so ist das keine neue Verwendungsart. Auch die zinstragende Wiederanlage ist ja eine Investition. Und beide Investitionsarten sollen sich verzinsen. Beendet wird die Kette nur durch Vernichtung des Betrages, wenn also die Investition fehlschlägt. Aber dies haben wir schon unter Punkt 1. besprochen.

    c)
    Der beschriebene Todesfall bringt ebenfalls kein Ende der Verzinsungskette, so lange Geldvermögen vererbt werden können. Wir beide kennen zur Genüge Familienvermögen, die über Generationen hinweg vermehrt werden. Und juristische Personen sterben keines natürlichen Todes. Hier greift der Todesfall also ebenfalls nicht.

    d)
    Zu guter Letzt führen Sie auch noch mögliche Grenzen der Geldschöpfung als Gegenargument zum Josephspfennig-Vergleich an. Nur: Darum geht es bei diesem Vergleich gar nicht. Bei diesem geht es nur darum zu zeigen, dass ein wie immer gearteter Zinseszins niemals nachhaltig – sprich von dauerhafter Natur – sein kann. Dass das Beispiel nicht realistisch ist, ergibt sich doch schon aus seinem Ergebnis mit den unzähligen Erdkugeln aus purem Gold.

    Ich finde es immer wieder interessant zu beobachten, wie Menschen sich weigern, das Josephspfennig-Beispiel als das anzusehen, was es ist: Als Beleg dafür, dass ein dauerhafter Zinseszins nicht in die reale Welt passt und deshalb unrealistisch ist.

    Indem man den Josephspfennig-Vergleich, der selbst schon ein unrealistisches Ergebnis bringt, als unrealistisch bezeichnet, soll er ad absurdum geführt werden. Dies wiederum halte ich für absurd.

    8. Rettung des Euro (S. 160 ff)

    a)
    Zunächst eine kleine Korrektur: Es heißt auf S. 160 richtig, „heiraten und einen Bundesstaat Europa gründen.“ (nicht oder). Damit ist klar, dass wir die mögliche Vereinigung der europäischen Staaten zu einem Bundesstaat mit der Heirat gleichsetzen – analog zu unserem zuvor gemachten Ehe-Vergleich.

    b)
    Was den Inhalt Ihres Kommentars angeht, so ist die Sache relativ einfach: Wir sehen in der Aktivität der EZB eben keine „Rettung“ des Euro, sondern nur eine lebensverlängernde Maßnahme. Nach unserer Einschätzung wird sich der Euro dadurch nicht dauerhaft am Leben erhalten lassen.

    Indizien dafür, dass wir damit auf der richtigen Fährte sein könnten, gibt es übrigens schon jetzt. Denn bereits jetzt, wo die künstliche Beatmung gerade mal seit 2 Jahren anhält, gibt es schon enorme politische Widerstände im „DM-Block“ des Euro gegen sie. Damit vergrößert sich langsam aber sicher der politische Graben zwischen den Südländern und dem Hartwährungsblock. Um die Lebensdauer des Euros einigermaßen verlässlich abschätzen zu können, müssen Sie also gesellschaftliche und politische Entwicklungen in die Analyse einbeziehen – neben den rein ökonomischen und monetären Faktoren. Dies gilt umso mehr, als der Euro ein rein politisches Projekt ist.

    c)
    Sie schreiben: „Die Vorhersage auf S. 179: „Wir meinen damit, dass der Zerfall des Euro noch in diesem Jahrzehnt (soll heißen bis 2020?) beginnen wird“ ist daher gewagt.

    Volltreffer! Sie haben damit zielsicher einen der wenigen Sätze herausgegriffen, die wir in der Taschenbuchausgabe, die 2016 erschien, gegenüber der Erstausgabe von 2013 aktualisiert haben.

    Ursprünglich hatten wir im Abspann zum Interview mit Herrn Neun, in dem dieser den Beginn des Eurozerfalls für das Jahr 2015 prognostizierte (was sich inzwischen überholt hat), geschrieben, dass wir uns im Gegensatz zu Herrn Neun damals, also im Jahr 2013, noch nicht zutrauten, den Eurozerfall zeitlich enger einzugrenzen.

    In den drei Jahren bis 2016 hat es aber Entwicklungen gegeben, die uns eine konkretere Prognose ermöglichten. Ausschlaggebend dafür war die sensible Beobachtung gesellschaftlicher und politischer Ereignisse, speziell im Zusammenhang mit Griechenland. So verblieb das Land zwar 2015 im Euro, was ich auch so erwartet hatte, weil die Zeit noch nicht reif dafür war, dass die Griechen selbst den Austritt wollten. Aber die gesellschaftliche und politische Begleitmusik zur 2015er-Griechenkrise ließ mich zu dem Schluss kommen, dass dies das letzte Mal gewesen sein dürfte, dass der Beginn des Zerfalls verhindert werden konnte.

    Der Rest war eine einfache Rechenaufgabe: Das damals vereinbarte Rettungsprogramm läuft bis 2018, und es erschien mir als wahrscheinlch, dass das Thema dann erneut auf die Tagesordnung kommen wird, und zwar mit gegensätzlichem Ausgang. Denn die Kräfte, die zuletzt noch für einen Verbleib Griechenlands gesorgt hatten, dürften bis dahin schwächer geworden sein als die Kräfe, die auf einen Austritt hinwirken.

    Das heißt, irgendwann im Umfeld des Jahres 2018 könnte es so weit sein. Inzwischen hat sich sogar herausgestellt, dass Griechenland gar nicht der Anlass für den Zerfallsbeginn sein muss. Andere Kandidaten wie Italien oder Frankreich bieten sich ebenfalls an. Oder aber es kommt zu einem Austritt eines der stabileren Länder, was sogar die einfacher umzusetzende Variante des Zerfalls wäre.

    Wie dem auch sei: Noch dieses Jahrzehnt dürfte es so weit sein. Wobei ich der guten Ordnung halber anmerken möchte, dass dieses Jahrzehnt erst am 31.12.2020 endet und nicht schon am 31.12.2019 😉

    Sie und alle anderen Leser erkennen daran, dass unsere Einschätzungen und Prognosen nicht statisch sind. Wir entwickeln diese vielmehr stets weiter und passen sie an die tatsächlichen Entwicklungen an.

    d)
    Ihr „dritter Weg“

    An dieser Stelle sei mir gestattet, auch mal etwas Kritisches in Ihre Richtung loszuwerden: Mir fällt auf, dass Sie auf Ihre „Neue (Voll-)Geldordnung“ sehr fixiert sind und diese an verschiedenen Stellen immer wieder als Lösungsvorschlag anbieten. So auch hier als Lösung für den Euro. Das erscheint mir nicht immer passend zu sein. Gerade der Euro krankt nach unserer Analyse nicht daran, dass Geschäftsbanken die Möglichkeit zur Giralgeldschöpfung haben, sondern daran, dass eine einheitliche Währung über einen viel zu heterogenen Wirtschaftsraum gestülpt wurde. Dieses Problem bliebe auch nach einer Vollgeldreform bestehen.

    Ich würde es deshalb begrüßen, wenn Sie Ihren Blick zuweilen über den Tellerrand hinaus werfen und sich nicht so stark auf das Vollgeld fixieren würden. Ihre Bereitschaft, sich mit unserem Buch auseinanderzusetzen, ist dafür auf jeden Fall schon einmal der richtige Ansatz. Ich kann deshalb nicht oft genug betonen, wie sehr ich diese Bereitschaft von Ihnen wertschätze.

    9. Wie geht es weiter?

    Unsere Feststellungen sind gar nicht so resignierend gemeint, wie es Ihnen erscheinen mag. Ganz im Gegenteil: Seitdem ich weiß, wie das Geldsystem funktioniert und wo es hinführen wird, bin ich noch entspannter, als es ohnehin schon meinem Naturell entspricht. Ich weiß schließlich auch, dass ich früher oder später sterben werde, und resigniere deshalb trotzdem nicht 😉

    Also: Das Wissen um das Ende, das irgendwann kommt, hat für mich mit Resignation überhaupt nichts zu tun.

    Und dass es diskussionswürdige Ansätze gibt, haben wir mit unserem kurzen Abriss doch hinreichend deutlich gemacht. Wir haben aber ebenfalls deutlich gemacht, dass wir keinen von Ihnen für der Weisheit letzten Schluss halten (vgl. dazu auch meine Bemerkungen am Anfang dieses Textes).

    Mit Hans Christoph Binswanger haben wir im Übrigen oft und ausführlich über unser Buch gesprochen. Er war es auch, der unser Buch vollständig gelesen hat, bevor es veröffentlicht wurde. Und er störte sich in keiner Weise daran, dass wir nicht ausführlicher über den Vollgeldansatz geschrieben haben. Obwohl er ja, wie Sie schreiben, eine gewisse Sympathie für das Vollgeld hegt. Ich habe Ihn eher so verstanden, dass es ihm dabei ähnlich wie uns geht: Ein interessanter Ansatz ja, aber noch lange keine Lösung für alle Probleme, die unser gegenwärtiges Geldsystem mit sich bringt.

    Prof. Binswanger schien mir eher bereit zu sein als Sie, über den Tellerrand hinauszublicken – wohl wissend, dass auch er noch nicht den Stein der Weisen gefunden hat. Und genau diese Einstellung Binswangers, der bereit ist, die eigenen Lösungsansätze stets in Frage zu stellen, hat mir sehr imponiert.

    Im Übrigen fand es Herr Binswanger auch völlig in Ordnung, dass wir uns im Buch auf die Aufklärung über die Schwachpunkte des Systems konzentrieren. Es war sich bewusst, dass auf diesem Gebiet der größte Bedarf besteht. Vor allem auch deshalb, weil sich niemand Gedanken über Alterntiven machen kann, der die Grundproblematik gar nicht versteht.

    Und hier möchte ich den Ball erneut an Sie zurück spielen: Auch Sie haben nach allem, was Sie bisher hier angemerkt haben, die Gundproblematik nur zum Teil verinnerlicht. Nämlich nur zu dem Teil, der die Geldschöpfungsmöglichkeiten der Geschäftsbanken betrifft. Insbesondere den systemimmanenten Wachstumsdruck, der unabhängig davon ist, wer das Geld auf welchem Wege in Umlauf bringt, erkennen Sie nicht. Ich sehe es deshalb als meine Hauptaufgabe an, Ihnen auch hierfür die Augen zu öffnen. Voraussetzung wäre allerdings Ihre Bereitschaft, sich darauf einzulassen.

    Herzlicher Gruß
    Raimund Brichta

  2. Hallo Herr Brichta,

    ich begrüße es ausdrücklich, dass Sie sich so intensiv mit dem Geldsystem beschäftigen. Auch teile ich Ihre Analyse weitgehend, bin aber an einem zentralen Punkt anderer Ansicht.

    Ihre These: Wird der „Bestand an Zahlungsmitteln“ durch den Entzug des Geldschöpfungsprivilegs der privaten Banken im Rahmen einer Vollgeldreform begrenzt, erhöht sich zwangsläufig der Bestand an anderen „Forderungen auf Zahlungsmittel“.

    Die Tendenz wird es zweifelsohne geben, so wie es immer Ausweichversuche gibt, jedoch stellen Sie es so dar, dass Giralgeld dann quantitativ voll durch andere „Forderungen auf Zahlungsmittel“ kompensiert werden würde.

    Das ist aber nur möglich, wenn die anderen „Forderungen auf Zahlungsmittel“ so fungibel wären wie Giralgeld, weil sie sonst nie als Geldsurrogat akzeptiert werden!

    Die vollständige Begründung sowie meine Anmerkungen zu Ihrer Konversation und den Kontroversen mit Dr. Timm Gudehus habe ich ausführlich hier veröffentlicht:

    http://inflationsschutzbrief.de/kontoversen-ueber-vollgeldreform-geldschoepfung-und-wachstumszwang/

    Herzliche Grüße

    Bernhard-Albrecht Roth

    • Ganz herzlichen Dank für Ihren interessanten Diskussionbeitrag, lieber Herr Roth. Einen Automatismus gibt es dabei natürlich nicht, so hatte ich es auch nicht formuliert.

      Bitte bedenken Sie aber Folgendes: Wenn Sie wie ich den systemimmanenten Wachstumszwang erkennen, der auch in einem System mit schuldbefreitem Vollgeld Bestand haben dürfte, da der zugrundeliegende Drang nach Geldvermögensbildung erhalten bleibt, sind letztlich nur drei Szenarien möglich.

      1. Der Bestand an Zahlungsmitteln steigt.
      2. Der Bestand an Forderungen auf Zahlungsmittel steigt.
      3. Beide Bestände steigen.

      Ich halte Szenario 3 für am wahrscheinlichsten. Sie auch?

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